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How to Redesign: Bewährte Produkte neu gedacht

  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Interview mit Thomas Lehmann, 

Geschäftsleitung EBK Urban Production GmbH


Wenn sich gesetzliche Anforderungen verändern, der Markt grundlegend neue Bedingungen stellt oder zentrale Komponenten für die Produktfertigung abgekündigt werden, dann beginnt eine Herausforderung im Produktlebenszyklus ganz eigener Natur: das Redesign. Ein Redesign ist die gezielte Überarbeitung eines bestehenden Produkts oder Prozesses, um es unter veränderten Vorzeichen weiterhin anschlussfähig zu halten oder überhaupt noch fertigen zu können.


Redesign ist dabei weit mehr als das Austauschen einzelner Bauteile. Es ist ein Entwicklungsprojekt, das technisches Können, strukturiertes Projektmanagement und eine tiefe Kenntnis des Kundensystems erfordert. Gleichzeitig bewegt sich das Redesign auf einem schmalen Grat: Zu wenig Veränderung löst das Problem nicht. Zu viel gefährdet bestehende Zertifizierungen und Zulassungen. 


Wie lässt sich dieser Balanceakt bewältigen? Welche Methoden erweisen sich dabei als zielführend? Thomas Lehmann kennt diese Fragen aus jahrelanger Erfahrung in der Geschäftsleitung der EBK Urban Production GmbH. Im Gespräch mit Sebastian Grüber von PRONEXTER teilt er seine Empfehlungen mit Unternehmen, die vor vergleichbaren Herausforderungen stehen.


Sebastian Grüber: Thomas, seit fast 30 Jahren setzt du erfolgreich Redesign-Konzepte für die Industrie um. Ganz allgemein gefragt: Wann ist ein Redesign notwendig?


Thomas Lehmann: Es gibt im Wesentlichen zwei Auslöser für ein Redesign.  Der erste: Das Produkt ist durch den Hersteller nicht mehr produzierbar, weil zentrale Komponenten von Zulieferern abgekündigt wurden, oder das Produkt wurde vom Hersteller eingestellt. Beides mit der Konsequenz, dass der Markt trotz Bedarf nicht mehr versorgt wird.  Der zweite Auslöser ist technischer oder regulatorischer Natur: Ein Produkt benötigt zusätzliche Funktionen, für die es keine verfügbaren Standardkomponenten gibt, oder gesetzliche Änderungen erfordern eine Anpassung.


Sebastian Grüber: Wie läuft in der Regel ein Redesign-Projekt ganz konkret ab?


Thomas Lehmann: Das lässt sich am besten anhand eines konkreten Beispiels erklären. Im Schienenverkehr zählt der Umgang mit abgekündigten elektronischen Komponenten zu den wiederkehrenden Herausforderungen der Branche. 


Einerseits müssen bestehende Systeme weiterhin zuverlässig betrieben werden, andererseits gilt es, Bau- und Funktionsgleichheit trotz nicht mehr verfügbarer Bauteile sicherzustellen. Wie also unterstützen wir hier? 

Nach einem strukturierten Briefing zu Projektbeginn besprechen und bewerten wir gemeinsam mit unseren Kunden zentrale Entwicklungsstufen für den Nachbau des abgekündigten Produkts in regelmäßigen Abständen. Eine wichtige Entwicklungsstufe ist in der Regel der physische Prototypenbau, in unserem Fall vor allem mittels 3D-Druck, den wir auch für das hier angeführte Beispiel hergestellt haben. Hierdurch gewinnt der Kunde bereits zu einem frühen Zeitpunkt einen haptischen Eindruck von unseren Visionen. Ein Modell in der Hand hat stets eine höhere Simulationsqualität als ein Modell auf dem Bildschirm.


Ein entscheidender Schritt ist dann, die Prototypen in realen Systemen zu testen. Denn nur unter realen Bedingungen lässt sich verlässlich überprüfen, ob eine Lösung im Gesamtsystem funktioniert. Die Prototypen werden dabei strukturierten Testverfahren unterzogen, bei denen wir Messungen direkt am Gesamtsystem vornehmen. Das erlaubt nicht nur eine objektive Überprüfung der einzelnen Komponenten, sondern macht vor allem Zusammenhänge untereinander sichtbar. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Kunde selbst oft Fehler oder Optimierungspotenziale in der Systemfunktion nicht benennen kann, weil für ihn nur Teile des Gesamtsystems sichtbar sind. Nicht selten lassen sich damit also Anforderungen erfüllen, die der Kunde vielleicht davor noch gar nicht artikulieren konnte. 


Zusätzlich beziehen wir Anwender aus dem Markt in die Bewertung mit ein, sofern unsere Kunden und die tatsächlichen Anwender nicht deckungsgleich sind.


Anschließend bewerten wir mithilfe der Design-FMEA – einer Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse – die möglichen Fehler nach Wichtigkeit und Dringlichkeit und beheben sie Schritt für Schritt. Gleichzeitig erweist sich für uns der Einsatz von Machbarkeitsstudien immer wieder als entscheidend.  In diesen stellen wir gewünschte Änderungen seitens der Kunden den jeweiligen Vor- und Nachteilen gegenüber. Dabei werden Kosten, Umwelteinflüsse wie Temperaturbelastung, Auswirkungen auf die Produktlebensdauer sowie die Verfügbarkeit benötigter Bauteile systematisch berücksichtigt. Das schafft eine sachliche Grundlage, was ich als Berater für zentral erachte: Der Kunde entscheidet dann auf Basis vollständiger Information und gelangt möglicherweise zu einer neuen Bewertung.


Zurück zum Beispiel: Auch hier kamen wir durch die iterativen Abstimmungs- und Verbesserungsrunden anhand von Prototypen zu einer Designentscheidung, die gleich auf mehreren Ebenen positive Wirkung erzielte: Erstens konnte Material eingespart werden. Zweitens ließ sich der Fertigungsprozess durch die Reduktion der notwendigen Werkzeuge und Maschinen vereinfachen. Drittens hat sich das allgemeine Design verbessert, da das Produkt leichter und damit schneller eingebaut werden kann. Diese drei Hebel führten zu einer beachtlichen Kostenreduktion. Und das Schöne daran: Das ist kein Einzelfall.


Methode im Fokus: Design-FMEA 


Die Design-FMEA (engl. Failure Mode and Effects Analysis) ist eine strukturierte Methode zur frühzeitigen Identifikation und Bewertung potenzieller Fehlermodi in einem Produktdesign.


Wie funktioniert sie?

Für jede Komponente und jede Funktion wird systematisch gefragt: Was kann schiefgehen? Welche Auswirkungen hat dieser Fehler? Wie wahrscheinlich ist er, und wie gut ist er erkennbar? Aus diesen drei Faktoren – Bedeutung (B), Auftreten (A) und Entdeckung (E) – wird eine Risikoprioritätszahl (RPZ) 

berechnet: RPZ = B × A × E


Je höher der Wert, desto dringlicher ist Handlungsbedarf. So lassen sich Designänderungen quantifizieren und priorisieren – statt auf Basis von Bauchgefühl, auf Basis messbarer Risikobewertung. Im Redesign-Kontext wird die Design-FMEA eingesetzt, um Kundenwünsche und neue Anforderungen systematisch gegen bestehende Risiken abzugleichen und fundierte Entscheidungen über Designänderungen zu treffen.


Sebastian Grüber: Was bedeutet ein erfolgreiches Redesign aus deiner Sicht?


Thomas Lehmann: Ein Redesign ist dann erfolgreich, wenn es die Kundenanforderungen vollständig erfüllt, die gesetzlichen Vorgaben lückenlos umsetzt und keine neue Zertifizierung erforderlich macht. An diesen drei Grundprinzipien richten mein Team und ich unsere gesamte Arbeit aus. Das klingt nach einer klaren Messlatte (lacht). In der Praxis erfordert es aber eine sehr individuelle Steuerung, denn Kundenanforderungen sind spezifisch, gesetzliche Anforderungen im Wandel und die Grenzen zwischen erlaubter Optimierung und zertifizierungsrelevanter Änderung in der Auslegung oft sehr eigen. Zudem stehen die beiden erstgenannten Anforderungen, Kundenwünsche und gesetzliche Vorgaben zu erfüllen, häufig der dritten Anforderung, keine neue Zertifizierung zu riskieren, diametral gegenüber. 


Als strategischer Industriepartner sehe ich meine Aufgabe darin, diese Pole aufzuzeigen, Lösungen zu entwickeln und Routen zu evaluieren.


Sebastian Grüber: Welche drei 

Empfehlungen gibst du Unternehmen mit vergleichbaren Projekten?


Thomas Lehmann: Folgendes empfehle ich zu Beginn eines Redesign-Projekts:


1. Intern zuerst abstimmen. 

Das Anforderungsmanagement ist beim Kunden selten homogen. Vertrieb, Qualitätsmanagement, Einkauf und Unternehmensführung haben häufig unterschiedliche Vorstellungen davon, was das Produkt leisten soll. Bevor externe Abstimmungsrunden beginnen, sollten alle internen Parteien eine klare und gemeinsam getragene Vorstellung davon haben, was entwickelt werden soll. 


 2. Das Produkt im Systemkontext denken.  

Wo und von wem soll das entwickelte Produkt eingesetzt werden – heute und in Zukunft? Werden die Systeme gleich sein, oder ist das Produkt für unterschiedliche Umgebungen ausgelegt? Wer zukünftige Systeme frühzeitig mitdenkt, kann Anforderungen bereits in der Entwicklungsphase berücksichtigen, statt später aufwendige Anpassungen vorzunehmen.

  


  3. Systemwissen früh und vollständig teilen.  

Je mehr relevante Informationen über das eigentliche Produkt und die angrenzenden Systeme zur Verfügung stehen, desto besser lassen sich Abhängigkeiten in der Entwicklungsphase berücksichtigen. Das Teilen von entsprechender markt- und unternehmensbezogener Information ist daher ebenfalls erfolgskritisch für ein Redesign-Projekt.


Sebastian Grüber: Thomas, vielen Dank für das Gespräch.



Thomas Lehmann, GeschäftsleitungEBK Urban Production GmbH
Thomas Lehmann, GeschäftsleitungEBK Urban Production GmbH




Sebastian Grüber, Redaktion PRONEXTER
Sebastian Grüber, Redaktion PRONEXTER











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